WP 1.1 Begriff und Theorien der Regression
Leitung: Prof. Dr. Oliver Eberl
Beteiligte: Prof’in Dr. Ursula Birsl, Prof. Dr. Rainer Forst, Prof’in Dr. Vera King, Magdalena Kirsch, Luca Scholz, Jeannine Evers, Pia Goldschmitt
Ziele des Workpackages:
Der Begriff der Regression wird einer kritischen Reflexion mit dem Ziel unterzogen, empirische Beobachtungen einordnen zu können.
Das Verhältnis von Demokratie und Regression wird mit dem Ziel ausgelotet, Anforderungen an die Demokratietheorie herauszuarbeiten (theoriebildend).
(1) Zunächst werden Theorien und aktuelle Diagnosen zu demokratischer bzw. antidemokratischer Regression (langsamer Rückgang; rückläufige Tendenz; hier: Rückschritte der Demokratie gegenüber Attacken auf demokratische Grundprinzipien) mit verschiedenen Krisendiagnosen moderner Demokratien verglichen. Ziel ist es, eine theoretische Grundlage für einen umfassenden und empirisch nutzbaren Begriff von „Regression“ zu entwickeln, der nicht einfach frühere Zustände idealisiert (Status quo bias). Demokratie wird dabei als vielschichtiges Gefüge verstanden: mit einer normativen Ebene (Anspruch auf individuelle und kollektive Selbstbestimmung und „Selbstgesetzgebung des Volkes“), einer institutionellen Ebene (Verfassungsstaat), einer kulturellen Ebene (Einstellungen und Orientierungen im Alltag) und einer historischen Ebene (Demokratisierung als Prozess in die Zukunft). Regression bedeutet auf all diesen Ebenen die – teils offene, teils versteckte – autoritäre Abkehr von grundlegenden Prinzipien (demokratischer Praxis), die zudem analytisch-sozialpsychologisch analysiert wird.
(2) Im zweiten Schwerpunkt werden Demokratiekonflikte und Konzepte von Demokratie und ihre ideengeschichtlichen Bezüge untersucht. Hiermit soll das Verhältnis von Demokratiekonflikten und Regression bestimmt werden. Dabei geht es um konkurrierende Demokratieverständnisse und politische Strömungen, die (anti-)demokratische Regression ausgerechnet im Namen der „Demokratie“ rechtfertigen. Analysiert werden Konflikte zwischen Vorstellungen einer exklusiven Demokratie (mit Bezügen zu historischen Faschismen und der Konservativen Revolution sowie der Neuen Rechten und der AfD) und Konzepten einer inklusiven Demokratie als gesellschaftlicher Ordnung „im Werden“. Dabei wird auch betrachtet, wie autoritäre Erzählungen eine kämpferische Zukunftsorientierung mit einer vermeintlich „wiederherzustellenden“ Vergangenheit verknüpfen. Untersucht wird, wie prozessuales Vertrauen (und Misstrauen) durch starke Spaltungen und entgrenztes, autoritäres Vertrauen (bzw. Misstrauen) ersetzt werden und wie solche Dynamiken affektive Polarisierung verstärken und demokratische Zukunftsvorstellungen blockieren.
(3) Der dritte Schwerpunkt betrachtet nationale und internationale Vernetzungen antidemokratischer – auch libertärer – Akteur*innen, die als Träger*innen weltanschaulicher Gegenbewegungen zur Demokratisierung auftreten. Mithilfe sozialer Netzwerkanalysen auf Plattformen wie X, Instagram und TikTok werden zentrale „Knotenpunkte“ solcher Netzwerke identifiziert, ausgehend unter anderem von der AfD. Anknüpfend an Befunde der Globalgeschichte wird geprüft, ob – ähnlich wie bei historischen Faschismen – internationale Vernetzungen auch heute zur Radikalisierung beitragen und Akteur*innen voneinander „lernen“. Dazu werden über einen längeren Zeitraum Beiträge in sozialen Netzwerken und gemeinsame öffentliche Auftritte analysiert. Im Fokus stehen Akteur*innen mit Wahlerfolgen oder Regierungsbeteiligung, die als mögliche Treiber*innen demokratischer Regression gelten.
(4) Im vierten Schwerpunkt werden die Ergebnisse aus 1.-3. zusammengeführt. Es wird gefragt, wie sich das Verhältnis von Demokratie und Regression theoretisch fassen lässt und welche Anforderungen sich daraus für die Demokratietheorie ergeben. Dieser Teil erfolgt in engem Austausch mit WP 1.2, um theoretische Überlegungen mit empirischen Befunden aus lokalen Studien zu verbinden.
Beitrag zum Forschungsverbund
Das Unterarbeitspaket arbeitet eng mit den empirischen Lokalstudien in den WPs 1.2, 2.1, 2.2, 3.1 und 3.2 zusammen. Deren Ergebnisse fließen ein, um die Demokratietheorie weiterzuentwickeln und Ansatzpunkte für demokratiefördernde Interventionen zu bestimmen. Aus der Verbindung von Theorie und Empirie entsteht ein präziser Begriff von „Regression“ auf allen Ebenen der Demokratie (normativ, institutionell, kulturell, historisch). Im Mittelpunkt stehen nationale, transnationale und mediale Räume; durch den Austausch mit den anderen WPs werden zudem weitere Kontexte wie Familie, Kommune und Zivilgesellschaft einbezogen.