WP 2.2 (Mikro-) Historische Pfadabhängigkeiten

Leitung: Prof’in Dr. Michaela Kottig und Prof. Dr. Eckart Conze
Beteiligte: Prof. Dr. Stephan Lessenich, Leon Bohnsack, Paula Matthies, Viktoria Rösch, Joshua Lefort

Im Teilprojekt „(Micro-)Historische Pfadabhängigkeiten“ untersuchen wir, wie sich demokratische und antidemokratische Orientierungen in ländlichen Gemeinden historisch herausbilden, fortschreiben oder verändern. Dafür führen wir zwei Perspektiven zusammen:: die aufgeschriebene Ortsgeschichte, wie sie sich etwa in Archiven, Chroniken, Presseberichten oder Vereinsunterlagen findet, und die Familiengeschichten. Wir fragen danach, wie politische Erfahrungen, Deutungen und Handlungsmuster weitergegeben und dabei stabilisiert oder verändert werden. Ziel ist es, Verläufepolitischer Orientierungen und Handlungen sowie darin liegende Kontinuitäten und Brüche zu rekonstruieren. Als Auftakt zum Forschungsvorhaben dienen Geschichtswerkstätten vor Ort, in denen wir gemeinsam mit interessierten Bürgern und Bürgerinnen Ortsgeschichte erkunden und diskutieren.

Pfadabhängigkeiten und Pfadabweichungen politischer Orientierungen in lokalen Räumen

Die großen politischen Entwicklungen, wie das Scheitern der Weimarer Demokratie (1918–1933) und die Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), sind national und international gut erforscht. Wir wissen jedoch noch immer eher wenig darüber, wie sich diese Prozesse in lokalen Kontexten darstellten und entwickelten: in Gemeinden, Nachbarschaften und den ansässigen Familien. Genau hier setzt das WP 2.2. „(Micro-)Historische Pfadabhängigkeiten“ an: Ausgangspunkt ist die Frage nach den historischen Dynamiken (anti-)demokratischer Regression durch die Analyse von Ortsgeschichten und Familienerzählungen in ländlichen Gemeinden.  Im Fokus steht die Frage nach „Pfadabhängigkeiten“ (Kontinuitäten) und „Pfadabweichungen“ (Brüchen) in politischen Orientierungen und Handlungsweisen. Wie entstehen politische Traditionen über Generationen hinweg? Wie werden sie stabilisiert? Und wie kommt es im Laufe der Zeit zu Wandlungen?

Forschung in ländlichen Gemeinden zu Familien

Mit Tod der Akteursgeneration, gerade auch bezogen auf die Zeit des Nationalsozialismus, boomen Recherchen zu Familien- und Ortsgeschichten. Wir greifen dieses Interesse auf und setzen ihn in einem größeren Zeitrahmen von etwa 100 Jahren in Untersuchungen zu (anti-)demokratische Entwicklungen in ländlichen Gemeinden aus historischer und familiengeschichtlicher Perspektive um.  Gerade ländliche Räume eröffnen eine wichtige Perspektive, weil politische Orientierungen dort häufig eng mit generationellen Erfahrungen und lokalen Zugehörigkeiten verbunden sind.

Ländliche Gemeinden verstehen wir als historisch gewachsene soziale Räume. Uns interessiert, wie sich demokratische und antidemokratische Orientierungen vor Ort herausgebildet haben, wie sie erinnert und erzählt werden und welche Rolle Familiengeschichten, Vereine, Nachbarschaften oder lokale Öffentlichkeiten dabei spielen. Dazu wählen wir drei hessische Gemeinden mit unterschiedlichen (historisch-) politischen Kulturen.

Methodisches Vorgehen

Unser Vorgehen verbindet drei analytische Schritte. Erstens rekonstruieren wir die historische Entwicklung der Gemeinden anhand lokaler Quellen, etwa Presseberichten, amtlichen Dokumenten, Vereins- und Kirchenunterlagen, Chroniken und Archivmaterialien. Im Zentrum stehen dabei politische Positionierungen, lokales politisches Leben und Formen demokratischer oder antidemokratischer Praxis vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Zweitens rekonstruieren wir Familiengeschichten und familiale Erinnerungen. In jedem der drei Untersuchungsorte zeichnen wir gemeinsam mit jeweils drei Familien deren Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg nach. Einbezogen werden nach Möglichkeit alle noch lebenden Generationen. Grundlage sind Familiengespräche, Genogrammesowie Mental Maps, mit denen persönliches Ortswissen, Erinnerungsräume und bedeutsame Orte im Rahmen gemeinsamer Ortsbegehungen sichtbar gemacht werden.

Drittens setzen wir aufgeschriebene Ortsgeschichte und erzählte Familiengeschichte vergleichend zueinander in Beziehung. Die Zusammenhänge zwischen lokaler Politikgeschichte und Familiengeschichten werden prozessorientiert beschrieben. Im Mittelpunkt steht der Vergleich von Faktoren, die politische Pfadabhängigkeiten verstetigen, unterbrechen oder verändern, mit Blick auf ihre Bedeutung für lokale demokratische Kulturen. Gefragt wird danach, welche Bestandteile der Geschichte familial tradiert werden, welche in Ortsgeschichten, Archiven oder lokalen Überlieferungen festgehalten sind und wo Unterschiede, Leerstellen oder Widersprüche sichtbar werden.

Geschichtswerkstätten als dialogische Wissensproduktion vor Ort

Ein zentraler Bestandteil des Teilprojekts sind Geschichtswerkstätten in den Untersuchungsorten. Sie dienen als Zugang zu den Gemeinden und eröffnen Räume, in denen interessierte Bürger:innnen, lokale Akteure und das Forschungsteam gemeinsam über Ortsgeschichte ins Gespräch kommen. Dabei geht es nicht nur um die Sammlung historischer Materialien, Erinnerungen und Perspektiven, sondern auch um die Frage, wie lokale Geschichte heute erzählt wird.

Im weiteren Projektverlauf werden die Forschungsergebnisse aus dem Projekt mit den Praxispartnern reflektiert und in öffentlichen Diskussionsformaten in die Gemeinden zurückgespiegelt. Auf diese Weise verbindet das Teilprojekt historische und familiengeschichtliche Forschung mit einer dialogischen Wissensproduktion. Ziel ist die Anregung zur Auseinandersetzung mit Geschichte und ihren (anti-)demokratischen Folgen in ländlichen Regionen.

Beitrag zum Forschungsverbund

WP 2.2 „(Micro-)Historische Pfadabhängigkeiten“ leistet einen mikrohistorischen und familiengeschichtlichen Beitrag zum Forschungsverbund. Das Teilprojekt trägt dazu bei, politische Pfadabhängigkeiten und Pfadabweichungen nicht nur als aktuelle Phänomene, sondern in ihren historischen Entstehungs- und Überlieferungszusammenhängen zu verstehen. Die Ergebnisse bilden zugleich eine Grundlage für den Austausch mit Praxispartnern und darauf aufbauend für gemeinsame Formate zur Stärkung demokratischer Kultur in ländlichen Räumen.

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