WP 1.2 Demokratische Regression und Zivilgesellschaft – empirische Manifestationen in Hessen
Leitung: Prof’in Dr. Charlotte Dany
Beteiligte: Dr’in Iva Hradska, Prof’in Dr. Merle Hummrich, Prof’in Dr. Elisabeth Tuider, Prof’in Dr.Greta Wagner, Joscha Langenberg, Tom Fixemer, Pauline Rinke
Eine lebendige Zivilgesellschaft ist eine zentrale Stütze der Demokratie. In Zeiten demokratischer Regression gerät sie jedoch zunehmend unter Druck. Im Workpackage 1.2 „Demokratische Regression und Zivilgesellschaft –empirische Manifestationen in Hessen“ untersuchen wir, wie Aktive in zivilgesellschaftlichen Vereinen, Verbänden, Initiativen, Gruppen und Bündnissen in Hessen diese Entwicklungen erleben. Welche Herausforderungen sehen sie? Wie verhandeln sie Demokratie und ihre Bedrohung und wie werden Konflikte um den Umgang damit ausgetragen? Wie engagieren sich insbesondere junge Menschen für Demokratie?
Zwei Teilprojekte (TP) bearbeiten diese Fragen. Dabei arbeiten wir mit qualitativen Methoden, analysieren Interviews und Dokumente sowie einem partizipativen Ansatz, bei dem Akteur*innen aus der Praxis aktiv in die Forschung einbezogen werden. Das erste Teilprojekt richtet den Blick auf lokal organisierte Zivilgesellschaft und Initiativen als Konfliktakteure, während das zweite Teilprojekt auf das zivilgesellschaftliche Engagement junger Menschen für Demokratie und gegen rechts fokussiert.
Beide Teilprojekte folgen einem partizipativen Forschungsansatz: Zivilgesellschaftliche Initiativen werden von Anfang an in Planung und Durchführung einbezogen, das Untersuchungsdesign reagiert auf Rückmeldungen aus der Praxis. Die Fallauswahl stützt sich auf DemoGIS Hessen, ein digitales Kartensystem mit Daten zur Bevölkerung und zu Wahlergebnissen, über das Landkreise mit besonders ausgeprägter demokratischer Regression identifiziert und Kontakte zu lokalen Initiativen aufgebaut werden. Diese kommen Anfang 2026 bei einem gemeinsamen Kick-off-Workshop in Kassel zusammen – gemeinsam mit engagierten jungen Menschen – und starten dort die Projektarbeit.
Teilprojekt 1: Lokale Demokratieinitiativen als Konfliktakteure
Das erste Teilprojekt untersucht die Frage, wie Konflikte in lokalen Organisationen und Initiativen verhandelt werden, die in Zusammenhang mit demokratischer Regression und dem Einfluss rechtsextremer Akteure stehen. Wie ziehen zivilgesellschaftlich Engagierte die Grenzen der Teilhabe? Dem gehen wir durch leitfadengestützte Interviews mit Engagierten auf Verbands-, Vereins- und Initiativebene nach. Außerdem analysieren wir ergänzend Debatten in Stadträten, Medienberichte und öffentliche Stellungnahmen.
Ziel ist zu beschreiben, wo sich regressive Entwicklungen in der Zivilgesellschaft zeigen und wie sie demokratisch ausgehandelt werden. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Reaktionen auf demokratische Regression ambivalent sind, etwa zwischen Offenheit und Abgrenzung oszillieren. Workshops mit zivilgesellschaftlichen Organisationen dienen dazu, die Ergebnisse zu spiegeln und Anregungen für Umgangsweisen oder Unterstützungsangebote zu entwickeln.
Teilprojekt 2: Jugend im Fokus – Engagement in einer regressiven Demokratie
„Jugend im Fokus“ versteht junge Menschen als Akteur*innen zivilgesellschaftlichen Engagements in der postmigrantischen Gesellschaft und rücken dieses zivilgesellschaftliche Engagement ins Zentrum der Verhandlung von Demokratie und ihrer regressiven Dynamiken. Ausgangspunkt sind die Befunde, dass die Diversität der postmigrantischen Gesellschaft vor dem Hintergrund multipler globaler Krisen wie Klima, Krieg und Wirtschaft als bedrohlich ausgegeben und politisiert werden, auch in den Social Media. Damit gehen für einige Verlustängste um den Erhalt von Wohlstand und gesellschaftlicher Stabilität einher. Andere setzen sich ein gegen antidemokratische Tendenzen. Junge Menschen sind im zivilgesellschaftlichen Engagement aktiv, um solchen Sorgen mit politischem und gesellschaftlichem Engagement sowie sozialer Teilhabe zu begegnen (vgl. Albert et al. 2024).
Für den Feldzugang kommt in JIF eine multi-sited-ethnography zum Einsatz (vgl. Marcus 1995). Entsprechend der ethnographischen Forschungsstrategie “follow-the-civic-engagement” und “follow-the-conflict” gehen wir in ländlichenund städtischen Räumen dem zivilgesellschaftlichen Engagement junger Menschen in antifaschistischen, antirassistischen oder queeren Initiativen und Bündnissen auf Demonstrationen und Festivals, Workshops und Veranstaltungen nach, um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir fragen danach, für welche Themen und Positionen sich junge Menschen einsetzen, wie verhandeln sie Demokratie, und wie können sich zivilgesellschaftliches Engagement und Forschung bei der Förderung von demokratischer Teilhabe wechselseitig unterstützen?
Dazu finden Workshops zur Analyse von Social Media Posts rechter und rechtsextremer Akteur*innen statt. Der empirische Fokus liegt auf der Frage, wie junge Menschen in demokratiefeindlichen Diskursivierungen in den Social Media adressiert werden. In biografisch-narrativen Interviews mit engagierten jungen Menschen fragen wir danach, wie junge Menschen mit den medialen Adressierungen umgehen, und wie sie sich dazu positionieren. Subjektivierungsanalytisch (vgl. Butler 2001; Spies/Tuider 2022) untersuchen wir wie sich Subjektivierungsprozesse junger Menschen zwischen rechter Einflussnahme und zivilgesellschaftlichem Engagement in biografischen Erzählungen darstellen.
Ziel des TP „Jugend im Fokus“ ist, die Bedeutung von und die Erfahrung mit Demokratiebildung in subjektivierenden und politisierenden Verhandlungen junger Menschen zu untersuchen. Entsprechend einem partizipativen Forschungsvorgehen (vgl. von Unger 2014) analysieren und reflektieren wir mit jungen Menschen gemeinsam Handlungsstrategien gegen rechts und für Demokratie.
Beitrag zum Forschungsverbund
Zur empirischen Untersuchung des Konzepts „demokratische Regression“ trägt WP 1.2 vor allem dazu bei, indem es verschiedene Akteur*innen der hessischen Zivilgesellschaft in Hinblick auf ihre Konflikt- und Engagementpraktikenbefragt. Dabei stehen zivilgesellschaftliche Konflikte einerseits, sowie andererseits das Engagement junger Menschen gegen rechts und für Demokratie sowie die Effekte rechtsextremer Einflussnahmen auf politisierende und subjektivierende Verhandlungen junger Menschen im Mittelpunkt. In der Realisierung der empirischen Forschung arbeiten wir von Anfang an partizipativ und kollaborativ mit der hessischen Zivilgesellschaft zusammen.
Literatur
Albert, Mathias/Quenzel, Gudrun/Leven, Ingo/de Moll, Frederick/McDonnell, Sophia/Rysina, Anna/Schneekloth, Ulrich/Wolfert, Sabine (2024): Jugend 2024. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. Shell Deutschland. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.
Butler, Judith (2001): Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Marcus, George E. (1995): Ethnography in/of the World System: The Emergence of Multi-Sited Ethnography. In: Annual Review of Anthropology, 24, S. 95–117.
Spies, Tina/Tuider, Elisabeth (2022): Subjektivierung und Othering in der postmigrantischen Gesellschaft. Entwurf einer intersektional-dekolonialen Subjektivierungsforschung. In: Siouti, Irini/Spies, Tina/Tuider, Elisabeth/von Unger, Hella/Yıldız, Erol (Hrsg.): Othering in der postmigrantischen Gesellschaft. Bielefeld: transcript, S. 57–83.
von Unger, Hella (2014): Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer VS.
